Die Frage nach Gott gehört zu den ältesten und zugleich schwierigsten Fragen der Menschheit. Sie berührt Religion, Philosophie, Naturwissenschaft, Psychologie, Geschichte und letztlich die Frage, was der Mensch überhaupt erkennen kann. Wenn man zwischen bekannt, unbekannt, Mythos und Realität unterscheiden will, muss man zunächst eine wichtige Grenze ziehen: Über Gott selbst lässt sich wissenschaftlich wesentlich weniger feststellen als über die Vorstellungen der Menschen von Gott. Wir besitzen eine enorme Menge an Informationen darüber, wann Menschen an Götter glaubten, wie sich Religionen entwickelten, welche Schriften entstanden und welche Gottesbilder sich herausbildeten. Aber daraus folgt noch kein wissenschaftlicher Beweis dafür, dass ein Gott existiert oder nicht existiert.

Unter „Gott“ können zudem völlig unterschiedliche Dinge verstanden werden. Im klassischen Monotheismus ist Gott ein personales, bewusstes, allwissendes und allmächtiges Wesen, das die Welt geschaffen hat und außerhalb beziehungsweise über der Schöpfung steht. Im Deismus ist Gott ebenfalls Ursprung des Universums, greift danach aber möglicherweise nicht mehr in die Welt ein. Im Pantheismus wird Gott mit der Gesamtheit der Wirklichkeit beziehungsweise der Natur identifiziert. In manchen philosophischen Positionen ist „Gott“ überhaupt kein persönliches Wesen, sondern ein Begriff für den letzten Grund der Wirklichkeit, das Absolute oder das Sein selbst. Wenn jemand also fragt: „Existiert Gott?“, muss man eigentlich zuerst fragen: Welchen Gott meinst du? Die Frage nach einem persönlichen Schöpfergott ist eine andere als die Frage nach einem letzten metaphysischen Grund des Universums.

Was wir tatsächlich wissen, beginnt bei der menschlichen Religionsgeschichte. Menschen haben vermutlich bereits in vorgeschichtlicher Zeit Vorstellungen von übernatürlichen Mächten entwickelt. Bestattungsrituale und archäologische Funde weisen darauf hin, dass Menschen schon sehr früh über den Tod hinausdachten. Daraus lässt sich allerdings nicht unmittelbar schließen, dass sie bereits den Begriff „Gott“ im heutigen Sinne besaßen. Frühere Religionen waren häufig polytheistisch oder animistisch. Naturkräfte, Tiere, Ahnen, Landschaften, Fruchtbarkeit, Krieg, Krankheit und andere Bereiche des Lebens konnten mit übernatürlichen Wesen verbunden werden.

Mit der Entwicklung größerer Gesellschaften entstanden komplexere religiöse Systeme. Im Alten Ägypten beispielsweise existierte ein umfangreiches Pantheon. Mesopotamische Kulturen verehrten Götter wie Anu, Enlil und Inanna beziehungsweise Ischtar. Die griechische Welt kannte Zeus, Hera, Athena, Apollo und zahlreiche weitere Gottheiten. Die römische Religion übernahm teilweise griechische Götter und entwickelte gleichzeitig eigene religiöse Traditionen. Diese Götter sind für uns historisch sehr gut dokumentiert – aber ihre übernatürliche Existenz ist dadurch nicht bewiesen.

Das ist ein entscheidender Unterschied: Wir können mit großer Sicherheit feststellen, dass Menschen an Zeus glaubten. Wir können archäologisch nachweisen, dass ihm Tempel errichtet wurden, dass Opfer dargebracht wurden und dass Geschichten über ihn erzählt wurden. Wir können aber aus diesen historischen Tatsachen nicht ableiten, dass Zeus tatsächlich existierte. Dasselbe gilt für Thor, Odin, Ra, Anubis oder andere Gottheiten. Die Existenz des Glaubens ist historisch nachweisbar; die Existenz des geglaubten Wesens ist eine andere Frage.

Auch bei den großen monotheistischen Religionen – Judentum, Christentum und Islam – muss man diese Ebenen voneinander unterscheiden. Historisch lässt sich sehr viel über ihre Entstehung, ihre Schriften, ihre religiösen Bewegungen und ihre politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen erforschen. Bei Jesus von Nazareth besteht unter Historikern beispielsweise ein sehr breiter Konsens darüber, dass er als historische Person existierte. Daraus folgt jedoch nicht automatisch, dass sämtliche Aussagen über seine göttliche Natur historisch beweisbar wären. Die Kreuzigung Jesu gehört zum historischen Kern der Überlieferung; die Auferstehung ist dagegen eine Glaubensaussage, deren übernatürlicher Charakter sich nicht mit den üblichen Methoden der Geschichtswissenschaft beweisen lässt.

Ähnlich verhält es sich mit der Bibel. Die Bibel ist keine einzige, zu einem bestimmten Zeitpunkt entstandene Schrift, sondern eine Sammlung sehr unterschiedlicher Texte, die über viele Jahrhunderte hinweg entstanden, überliefert, bearbeitet und zusammengestellt wurden. Die historische Bibelforschung kann Entstehungszeiten, Textschichten, sprachliche Besonderheiten, Quellen und redaktionelle Veränderungen untersuchen. Sie kann also beispielsweise fragen, wann ein Text ungefähr entstanden ist, welche älteren Traditionen darin verarbeitet wurden und wie sich bestimmte Erzählungen entwickelt haben. Ob Gott tatsächlich zu den Menschen gesprochen hat, ist dagegen keine Frage, die philologische Textanalyse allein beantworten kann.

Besonders deutlich wird das bei den Schöpfungserzählungen. Die Vorstellung, Gott habe die Welt in sechs Tagen erschaffen und am siebten Tag geruht, ist als religiöser Mythos von enormer Bedeutung. Als naturwissenschaftliche Beschreibung der Entstehung des Universums entspricht sie jedoch nicht dem heutigen Kenntnisstand. Das Alter des Universums wird aufgrund moderner Kosmologie auf etwa 13,8 Milliarden Jahre geschätzt, die Erde entstand vor ungefähr 4,5 Milliarden Jahren, und die biologische Vielfalt entwickelte sich über sehr lange Zeiträume durch Evolution. Das bedeutet allerdings nicht automatisch, dass die Existenz Gottes widerlegt wäre. Es bedeutet lediglich, dass die wörtliche Vorstellung einer wenige tausend Jahre alten Erde wissenschaftlich nicht haltbar ist.

Hier liegt ein häufiger Denkfehler: Die Widerlegung eines bestimmten Gottesbildes ist nicht dasselbe wie die Widerlegung Gottes. Wenn beispielsweise nachgewiesen wird, dass die Erde nicht vor etwa 6.000 Jahren entstanden ist, wird damit ein bestimmtes wörtliches Verständnis der biblischen Schöpfungsgeschichte widerlegt. Damit ist aber nicht bewiesen, dass es überhaupt keinen Schöpfer oder keinen transzendenten Grund der Wirklichkeit geben kann.

Die Naturwissenschaft kann außerordentlich viel über die Entstehung und Entwicklung des Universums erklären. Sie beschreibt die Expansion des Universums, die Entstehung von Galaxien und Sternen, die Entwicklung der Erde, die Evolution des Lebens und die physikalischen Prozesse, die unsere Welt bestimmen. Die Urknalltheorie beschreibt beispielsweise nicht einfach „eine Explosion im leeren Raum“, sondern die Entwicklung des Universums aus einem extrem heißen und dichten frühen Zustand. Doch selbst wenn wir die physikalische Entwicklung bis zu den frühesten beschreibbaren Zuständen zurückverfolgen, bleibt eine philosophische Frage bestehen: Warum existiert überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts?

Diese Frage wird manchmal vorschnell als wissenschaftlicher Gottesbeweis dargestellt. Das ist sie nicht. Aus „Wir wissen nicht, warum das Universum existiert“ folgt logisch nicht „Also hat Gott es geschaffen“. Das wäre ein klassisches Argumentum ad ignorantiam, ein Schluss aus der Unwissenheit. Andererseits folgt aus der Fähigkeit der Naturwissenschaft, immer mehr Vorgänge zu erklären, ebenfalls nicht, dass Gott deshalb widerlegt sei. Wissenschaftliche Erklärungen und metaphysische Erklärungen befinden sich nicht zwangsläufig auf derselben Ebene.

Ein berühmtes Beispiel ist die Frage nach dem Feinabstimmungsproblem des Universums. Viele physikalische Konstanten besitzen Werte, die die Existenz komplexer Materie, Sterne, Chemie und letztlich Leben ermöglichen. Manche Philosophen und Theologen sehen darin einen Hinweis auf eine ordnende Intelligenz. Andere verweisen auf anthropische Prinzipien oder mögliche Multiversumsmodelle. Wieder andere halten die Frage schlicht für ungelöst. Gegenwärtig gibt es keinen allgemein akzeptierten wissenschaftlichen Nachweis, dass die Feinabstimmung auf einen göttlichen Urheber zurückgeht.

Ähnlich verhält es sich mit dem Ursprung des Lebens. Die Wissenschaft kennt zahlreiche Schritte und Mechanismen der chemischen Evolution und untersucht intensiv, wie aus unbelebter Materie erste selbstreplizierende Systeme entstanden sein könnten. Die vollständige Entstehung des Lebens ist jedoch noch nicht experimentell lückenlos rekonstruiert. Aber auch hier gilt: Eine wissenschaftliche Lücke ist kein Beweis für Gott. „Wir wissen es noch nicht“ ist wissenschaftlich eine vollkommen legitime Antwort.

Besonders schwierig wird die Gottesfrage beim Bewusstsein. Wir wissen, dass Bewusstseinszustände eng mit Vorgängen im Gehirn verbunden sind. Veränderungen des Gehirns können Wahrnehmung, Persönlichkeit, Erinnerung, Emotionen und Selbstbewusstsein verändern. Narkose kann Bewusstsein ausschalten; bestimmte Hirnverletzungen können Persönlichkeit und Verhalten verändern. Das spricht sehr stark dafür, dass unser Bewusstsein zumindest in seiner bekannten menschlichen Form von unserem Gehirn abhängt. Dennoch ist die sogenannte Hard Problem of Consciousness – also die Frage, warum überhaupt subjektives Erleben existiert – philosophisch weiterhin nicht vollständig gelöst. Dass dieses Problem ungelöst ist, beweist allerdings ebenfalls keine Seele und keinen Gott.

Damit kommen wir zu einem der ältesten Argumente: Woher kommt die Seele? Religionen und philosophische Traditionen haben darauf sehr unterschiedliche Antworten gegeben. Manche betrachten die Seele als unsterblichen, vom Körper unabhängigen Wesenskern des Menschen. Andere sehen sie als Ausdruck der biologischen beziehungsweise psychischen Organisation des Gehirns. Wieder andere verstehen „Seele“ nicht als räumlich lokalisierbares Ding, sondern als Bezeichnung für das bewusste, fühlende und personale Wesen eines Menschen. Einen wissenschaftlich nachgewiesenen Ort einer vom Gehirn unabhängigen Seele gibt es nicht. Ebenso gibt es keinen wissenschaftlichen Nachweis dafür, dass eine solche Seele nach dem Tod weiterexistiert. Das bedeutet wiederum nicht, dass ihre Nichtexistenz bewiesen wäre.

Sehr wichtig ist auch die Frage nach Wundern. In praktisch allen Religionen gibt es Berichte über außergewöhnliche Ereignisse: Heilungen, Erscheinungen, Prophezeiungen, Visionen, Auferstehungen oder andere übernatürliche Vorgänge. Historisch kann man feststellen, dass Menschen solche Erfahrungen berichtet haben. Man kann unter Umständen auch medizinisch feststellen, dass eine Krankheit unerwartet verschwunden ist. Daraus folgt aber nicht automatisch, dass ein übernatürliches Wesen die Ursache war. Für einen wissenschaftlichen Nachweis müsste man alternative natürliche Erklärungen ausschließen können. Das ist bei historischen Wunderberichten meistens unmöglich.

Dasselbe gilt für Gebetserhörungen. Ein Mensch kann aufrichtig erleben, dass er gebetet hat und anschließend etwas Außergewöhnliches geschah. Für diesen Menschen kann das eine tiefgreifende religiöse Erfahrung sein. Wissenschaftlich lässt sich daraus jedoch keine allgemeine Kausalbeziehung zwischen Gebet und göttlichem Eingreifen ableiten. Kontrollierte Untersuchungen zu Fürbitten haben keinen robusten Nachweis erbracht, der die Existenz einer göttlichen Intervention eindeutig belegen würde.

Eine besondere Rolle spielen religiöse Erfahrungen. Menschen berichten seit Jahrtausenden von Gotteserfahrungen, mystischer Einheit, Stimmen, Visionen, überwältigendem Frieden oder dem Gefühl einer unmittelbaren Gegenwart Gottes. Diese Erfahrungen können psychologisch und neurologisch untersucht werden. Man kann beispielsweise zeigen, dass Meditation, Fasten, Schlafmangel, bestimmte neurologische Zustände und andere Faktoren ungewöhnliche Bewusstseinszustände hervorrufen können. Aber auch hier entsteht eine interessante erkenntnistheoretische Grenze: Die Tatsache, dass eine Erfahrung einen neurologischen Mechanismus besitzt, beweist nicht automatisch, dass ihr Inhalt falsch ist. Auch eine normale Wahrnehmung hat einen neurologischen Mechanismus. Die entscheidende Frage lautet daher: Ist die religiöse Erfahrung eine subjektive Konstruktion des Gehirns oder eine tatsächliche Wahrnehmung einer transzendenten Realität? Diese Frage ist wissenschaftlich nicht abschließend entschieden.

Sehr häufig wird außerdem behauptet, die moderne Wissenschaft habe Gott „gefunden“ oder „widerlegt“. Beides ist übertrieben. Wissenschaft kann bestimmte Behauptungen über die Welt prüfen. Wenn jemand behauptet, Gott habe eine bestimmte Krankheit durch ein konkretes Ereignis geheilt, kann man die medizinischen Fakten untersuchen. Wenn jemand behauptet, die Erde sei 6.000 Jahre alt, kann die Geologie diese Behauptung prüfen und widerlegen. Wenn jemand dagegen sagt, Gott sei der transzendente Grund dafür, dass überhaupt eine Wirklichkeit existiert, befindet man sich bereits in der Metaphysik. Eine solche Behauptung ist nicht ohne Weiteres experimentell testbar.

Die Philosophie hat deshalb eine ganze Reihe von Gottesargumenten entwickelt. Das kosmologische Argument fragt nach dem Grund oder der Ursache der Welt. Das ontologische Argument versucht, aus dem Begriff eines vollkommenen Wesens auf dessen Existenz zu schließen. Das teleologische Argument sieht Ordnung beziehungsweise Zweckmäßigkeit in der Welt. Das moralische Argument fragt, ob objektive moralische Werte einen transzendenten Ursprung benötigen. Demgegenüber stehen Argumente gegen Gott, insbesondere das Problem des Übels: Wenn Gott allmächtig, allwissend und vollkommen gut ist, warum existieren dann Krieg, Folter, Krankheiten, Naturkatastrophen und unschuldiges Leiden?

Gerade das Problem des Leidens gehört zu den stärksten philosophischen Einwänden gegen einen bestimmten Begriff des allmächtigen und allgütigen Gottes. Die klassische Antwort lautet etwa, dass Gott dem Menschen Freiheit gegeben habe. Das erklärt jedoch nicht ohne Weiteres Erdbeben, Krebs, genetische Erkrankungen oder das Leiden von Kindern. Andere Theologien verstehen die Welt als Raum persönlicher Entwicklung, wieder andere verweisen auf menschliche Erkenntnisgrenzen. Keine dieser Antworten ist allgemein zwingend.

Ein weiterer verbreiteter Mythos lautet, alle Religionen würden im Grunde dasselbe erzählen. Das stimmt nur teilweise. Viele Religionen kennen ähnliche Themen: Schöpfung, Tod, Moral, Schuld, Erlösung, Transzendenz, Opfer, Gebet oder ein Leben nach dem Tod. Die konkreten Aussagen unterscheiden sich jedoch erheblich. Christentum, Islam, Judentum, Hinduismus, Buddhismus und traditionelle afrikanische oder indigene Religionen besitzen teilweise fundamental unterschiedliche Vorstellungen von Gott, Mensch, Welt und Erlösung. Man kann Gemeinsamkeiten erkennen, aber daraus folgt nicht, dass alle Religionen dieselbe Lehre vertreten.

Ebenso ist es ein Mythos, dass Religion erst durch die moderne Wissenschaft widerlegt wurde. Religion existiert seit Jahrtausenden und hat sich immer wieder mit philosophischen und naturkundlichen Vorstellungen auseinandergesetzt. Umgekehrt ist es aber ebenso falsch zu behaupten, die Wissenschaft bestätige die religiösen Schöpfungs- und Wundervorstellungen. Die Naturwissenschaft arbeitet methodisch mit überprüfbaren natürlichen Ursachen. Sie kann deshalb keine religiöse Offenbarung als solche bestätigen.

Auch die Behauptung, Gott sei lediglich eine Erfindung zur Erklärung unbekannter Naturphänomene, ist zu simpel. Sicherlich wurden Götter historisch häufig zur Erklärung von Blitz, Donner, Krankheit, Fruchtbarkeit oder Naturkatastrophen herangezogen. Doch Religion erfüllte und erfüllt wesentlich mehr Funktionen: Sie gibt moralische Orientierung, stiftet Gemeinschaft, verarbeitet Tod und Verlust, erzeugt Identität, bietet Rituale und kann existenzielle Erfahrungen strukturieren. Der Psychologe oder Anthropologe kann erklären, warum Menschen religiöse Vorstellungen entwickeln, ohne damit die metaphysische Frage nach der Existenz Gottes beantwortet zu haben.

Ein besonders verbreiteter Mythos ist außerdem die Vorstellung, Glaube bedeute, etwas zu wissen, obwohl man keine Beweise hat. Das ist philosophisch nicht zwingend. Glaube kann als Vertrauen verstanden werden, als religiöse Grundhaltung oder als Überzeugung aufgrund persönlicher Erfahrungen. Gleichzeitig darf man einen Glauben nicht mit wissenschaftlichem Wissen verwechseln. „Ich glaube, dass Gott existiert“ und „Die Wissenschaft hat bewiesen, dass Gott existiert“ sind zwei völlig verschiedene Aussagen.

Was wissen wir also wirklich? Wir wissen mit hoher Sicherheit, dass Menschen seit frühester Zeit religiöse Vorstellungen besitzen. Wir wissen, dass Religionen historische Entwicklungen durchlaufen haben. Wir kennen ihre Schriften, Institutionen, Rituale und politischen Auswirkungen. Wir können untersuchen, wie religiöse Vorstellungen psychologisch, sozial und kulturell entstehen und wirken. Wir wissen sehr viel über das Universum, seine Entwicklung und die biologische Entstehung des Menschen. Wir wissen außerdem, dass viele wörtliche religiöse Weltbilder mit gesicherten naturwissenschaftlichen Erkenntnissen nicht vereinbar sind.

Was wissen wir dagegen nicht? Wir wissen nicht, ob hinter der Wirklichkeit ein personales göttliches Bewusstsein steht. Wir wissen nicht, ob das Universum einen transzendenten Urgrund besitzt. Wir wissen nicht, ob Bewusstsein nach dem Tod in irgendeiner Form fortbesteht. Wir wissen nicht, ob religiöse mystische Erfahrungen Kontakt zu einer transzendenten Realität darstellen oder vollständig innerhalb des menschlichen Bewusstseins entstehen. Und wir wissen nicht, ob es irgendeine Form von Wirklichkeit gibt, die grundsätzlich außerhalb unserer gegenwärtigen wissenschaftlichen Erkenntnismöglichkeiten liegt.

Damit ergibt sich eine bemerkenswert nüchterne Schlussfolgerung: Die Existenz Gottes ist weder wissenschaftlich bewiesen noch wissenschaftlich widerlegt. Die Aussage „Gott existiert“ ist eine metaphysische beziehungsweise religiöse Behauptung, sofern sie nicht in eine empirisch prüfbare konkrete Behauptung übersetzt wird. Die Aussage „Gott existiert nicht“ ist ebenfalls eine metaphysische Behauptung, wenn sie sich auf jede denkbare Vorstellung von Gott bezieht. Wissenschaftlich besonders sauber ist deshalb die Position des methodischen Agnostizismus: Wir können sehr viel über die Welt wissen, aber gegenwärtig nicht feststellen, ob eine transzendente göttliche Wirklichkeit existiert.

Das bedeutet allerdings nicht, dass alle Positionen gleich plausibel wären. Ein Gott, der regelmäßig nachweisbare physikalische Eingriffe vornimmt, wäre prinzipiell wissenschaftlich untersuchbar. Ein Gott, der ausschließlich als transzendenter Grund des Seins verstanden wird und keine empirisch unterscheidbaren Spuren hinterlässt, entzieht sich dagegen weitgehend naturwissenschaftlicher Prüfung. Die Plausibilität hängt daher stark davon ab, welche Eigenschaften man Gott zuschreibt.

Am Ende stehen wir vor einer Grenze menschlicher Erkenntnis, die vielleicht wichtiger ist als jede einzelne religiöse Behauptung. Wir können feststellen, dass etwas existiert. Wir können die Entwicklung des Universums bis zu extrem frühen Zuständen zurückverfolgen. Wir können die Entstehung von Sternen, Planeten und Leben untersuchen. Wir können das Gehirn untersuchen und immer besser verstehen, wie Bewusstsein mit neuronalen Prozessen zusammenhängt. Aber die fundamentale Frage, warum überhaupt eine Wirklichkeit existiert, warum Naturgesetze gelten, warum es Bewusstsein gibt und ob hinter allem ein letzter intelligenter Grund steht, ist bis heute nicht endgültig beantwortet.

Und genau hier beginnt der eigentliche Unterschied zwischen Mythos, Glauben, Philosophie und Wissen: Ein Mythos erzählt eine sinnstiftende Geschichte. Eine Religion verbindet solche Geschichten mit Glauben, Ritual und Offenbarung. Die Philosophie untersucht die logischen und metaphysischen Voraussetzungen dieser Aussagen. Die Wissenschaft prüft empirisch überprüfbare Behauptungen. Keine dieser Ebenen kann vollständig durch eine andere ersetzt werden.

Wenn man deshalb alle Übertreibungen und Dogmen beiseitelässt, bleibt eine erstaunlich klare Bilanz: Wir wissen sehr viel über den Menschen, der an Gott glaubt. Wir wissen sehr viel über die Geschichte der Gottesvorstellungen. Wir wissen sehr viel über die physische Welt, in der wir leben. Aber ob hinter dieser Welt tatsächlich Gott steht, wissen wir nicht. Wer behauptet, dies sei endgültig bewiesen, geht über die vorhandenen Belege hinaus. Wer behauptet, das Gegenteil sei endgültig bewiesen, tut im Grunde dasselbe. Zwischen diesen beiden Extremen liegt die intellektuell ehrlichste Position: die Bereitschaft, zwischen dem, was wir wissen, dem, was wir begründet vermuten, dem, was wir glauben – und dem, was wir schlicht nicht wissen – konsequent zu unterscheiden.